Vermögensmanagement
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An den Börsen gibt es einen Satz, den erfahrene Investoren mit Skepsis hören: "Diesmal ist alles anders." Genau dieser Gedanke drängt sich bei den aktuellen Gewinnschätzungen für den amerikanischen Leitindex S&P 500 auf – und zwar nicht nur wegen der Höhe der Erwartungen, sondern auch wegen ihrer Wirkung auf breit gestreute Portfolios.
Für 2026 erwarten Analysten im Schnitt ein Gewinnwachstum von rund 24 bis 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist der dritthöchste Wert seit Beginn der entsprechenden Datenreihe im Jahr 1990. Nur zweimal lag die Erwartung höher: 2010 und 2021, jeweils mit rund plus 50 Prozent. Was auf den ersten Blick nach ungebremstem Optimismus klingt, lohnt einen genaueren Blick, denn die Ausgangslage unterscheidet sich diesmal grundlegend von den beiden Vorgängerfällen.
Bemerkenswert ist nicht nur die Höhe der Schätzung, sondern auch das Tempo, mit dem sie zustande kam. Noch Mitte Mai 2026 lag die durchschnittliche Erwartung für das Gewinnwachstum 2026 bei etwa 13 Prozent. Innerhalb weniger Wochen kletterte sie auf die aktuellen 24 bis 25 Prozent. Eine so schnelle und breit angelegte Aufwärtsrevision der Analystenschätzungen ist selten und verdient eine genauere Einordnung. Ein Hinweis darauf, wie schnell sich die Marktstimmung und die Bewertungserwartungen derzeit verschieben.
Um die aktuelle Schätzung richtig zu verstehen, hilft der Blick zurück. 2010 und 2021 waren beides Erholungsjahre nach schweren Gewinneinbrüchen. Während der Finanzkrise fiel der Gewinn je Aktie von rund 90 auf 55 US-Dollar. Während der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ging er von etwa 175 auf 125 US-Dollar zurück. Die darauffolgenden Sprünge von jeweils plus 50 Prozent waren im Kern also nichts anderes als die Rückkehr zum alten Gewinnniveau. Sie waren kein Beleg für eine neue, dauerhaft höhere Wachstumsdynamik der Unternehmen.
2026 fehlt dieser Effekt vollständig. Die Gewinnschätzung für 2025 liegt bereits auf einem Rekordniveau von etwa 265 bis 270 US-Dollar je Aktie, ohne dass zuvor ein Einbruch stattgefunden hätte. Die Schätzung für 2026 von rund 325 bis 330 US-Dollar setzt damit direkt auf einem bereits hohen Niveau auf. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem von den hohen Investitionen großer Technologieunternehmen in Künstliche Intelligenz sowie von der Erwartung, dass die Gewinnmargen weiter steigen – beides Faktoren, die den Optimismus im Markt zusätzlich verstärken. Für den Technologiesektor wird für 2026 eine Nettomarge von rund 29 Prozent erwartet, also der Anteil vom Umsatz, der am Ende tatsächlich als Gewinn übrig bleibt. Hinzu kommen starke Quartalsergebnisse mit überdurchschnittlich positiven Ausblicken der Unternehmen selbst.
Der Analystenkonsens rechnet damit, dass sich das hohe Wachstumstempo nicht abrupt normalisiert, sondern nur langsam abflaut. Für 2027 werden rund 17 Prozent Wachstum erwartet, bei einem Gewinn je Aktie von etwa 385 bis 390 US-Dollar. Für 2028 sind es noch etwa 15 Prozent, mit einem Gewinn von rund 445 bis 450 US-Dollar. Der Markt preist damit im Grunde eine mehrjährige, strukturelle Beschleunigung der Unternehmensgewinne ein und nicht nur einen kurzfristigen Sondereffekt. Die Börse setzt also nicht nur auf ein starkes Jahr, sondern auf eine dauerhaft positive Entwicklung über mehrere Jahre hinweg.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu 2010 und 2021, und genau das macht die Situation auch für ETF-Anleger im S&P 500 oder im MSCI World relevant. In den beiden Vorgängerjahren gab es einen eingebauten Sicherheitspuffer. Selbst wenn die Erholung enttäuschte, ging es nur zurück auf ein bereits eingepreistes, niedrigeres Ausgangsniveau. 2026 gibt es diesen Puffer nicht. Die Erwartungen bauen direkt auf einem Rekordniveau auf und setzen voraus, dass die aktuelle, von Künstlicher Intelligenz getriebene Gewinn- und Investitionsdynamik über mehrere Jahre anhält.
Für Anleger ist das vor allem eine Frage des Erwartungsmanagements: Sollten die Zahlen der Unternehmen im dritten oder vierten Quartal 2026 hinter diesen ambitionierten Erwartungen zurückbleiben, fehlt die historische Erzählung von der Rückkehr zum Mittelwert, die frühere Enttäuschungen bislang abgefedert hat. Da die großen amerikanischen Technologieunternehmen im S&P 500, und erst recht im MSCI World, inzwischen ein erhebliches Gewicht haben, würde sich eine solche Enttäuschung nicht auf einzelne Aktien beschränken, sondern schnell auf die breitere Aktienallokation durchschlagen.
Das heißt nicht, dass die erwarteten Gewinnsteigerungen durch Künstliche Intelligenz ausbleiben müssen. Es heißt aber, dass ein Depot, das stark auf amerikanische Standardindizes konzentriert ist, aktuell eine überdurchschnittlich hohe Erwartungshaltung mitträgt, ohne den Risikopuffer, den es in vergangenen Erholungsphasen gab.
Der S&P 500 ist derzeit nicht nur teuer, sondern vor allem von hohen Erwartungen getragen. Das macht den Index für Anleger mit hoher US- oder Technologiegewichtung anfälliger für Enttäuschungen, selbst wenn die Unternehmensgewinne grundsätzlich weiter steigen.
Für die langfristige Vermögensplanung ist deshalb entscheidend, nicht nur auf mögliche Chancen zu schauen, sondern auch die Abhängigkeiten im eigenen Portfolio zu verstehen. Wer nämlich sein Vermögen breiter über Regionen, Branchen und Anlageklassen streut, macht sich weniger abhängig von genau diesem einen Szenario: dass sich die aktuell sehr optimistischen Konsensschätzungen tatsächlich vollständig erfüllen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar.

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Die Rekord-Gewinnerwartungen im S&P 500 sind nicht nur ein Ertragsthema. Sie werfen die Frage auf, wie viel Konzentration und Erwartung ein Portfolio wirklich tragen sollte.
An den Börsen gibt es einen Satz, den erfahrene Investoren mit Skepsis hören: "Diesmal ist alles anders." Genau dieser Gedanke drängt sich bei den aktuellen Gewinnschätzungen für den amerikanischen Leitindex S&P 500 auf – und zwar nicht nur wegen der Höhe der Erwartungen, sondern auch wegen ihrer Wirkung auf breit gestreute Portfolios.
Für 2026 erwarten Analysten im Schnitt ein Gewinnwachstum von rund 24 bis 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist der dritthöchste Wert seit Beginn der entsprechenden Datenreihe im Jahr 1990. Nur zweimal lag die Erwartung höher: 2010 und 2021, jeweils mit rund plus 50 Prozent. Was auf den ersten Blick nach ungebremstem Optimismus klingt, lohnt einen genaueren Blick, denn die Ausgangslage unterscheidet sich diesmal grundlegend von den beiden Vorgängerfällen.
Bemerkenswert ist nicht nur die Höhe der Schätzung, sondern auch das Tempo, mit dem sie zustande kam. Noch Mitte Mai 2026 lag die durchschnittliche Erwartung für das Gewinnwachstum 2026 bei etwa 13 Prozent. Innerhalb weniger Wochen kletterte sie auf die aktuellen 24 bis 25 Prozent. Eine so schnelle und breit angelegte Aufwärtsrevision der Analystenschätzungen ist selten und verdient eine genauere Einordnung. Ein Hinweis darauf, wie schnell sich die Marktstimmung und die Bewertungserwartungen derzeit verschieben.
Um die aktuelle Schätzung richtig zu verstehen, hilft der Blick zurück. 2010 und 2021 waren beides Erholungsjahre nach schweren Gewinneinbrüchen. Während der Finanzkrise fiel der Gewinn je Aktie von rund 90 auf 55 US-Dollar. Während der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ging er von etwa 175 auf 125 US-Dollar zurück. Die darauffolgenden Sprünge von jeweils plus 50 Prozent waren im Kern also nichts anderes als die Rückkehr zum alten Gewinnniveau. Sie waren kein Beleg für eine neue, dauerhaft höhere Wachstumsdynamik der Unternehmen.
2026 fehlt dieser Effekt vollständig. Die Gewinnschätzung für 2025 liegt bereits auf einem Rekordniveau von etwa 265 bis 270 US-Dollar je Aktie, ohne dass zuvor ein Einbruch stattgefunden hätte. Die Schätzung für 2026 von rund 325 bis 330 US-Dollar setzt damit direkt auf einem bereits hohen Niveau auf. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem von den hohen Investitionen großer Technologieunternehmen in Künstliche Intelligenz sowie von der Erwartung, dass die Gewinnmargen weiter steigen – beides Faktoren, die den Optimismus im Markt zusätzlich verstärken. Für den Technologiesektor wird für 2026 eine Nettomarge von rund 29 Prozent erwartet, also der Anteil vom Umsatz, der am Ende tatsächlich als Gewinn übrig bleibt. Hinzu kommen starke Quartalsergebnisse mit überdurchschnittlich positiven Ausblicken der Unternehmen selbst.
Der Analystenkonsens rechnet damit, dass sich das hohe Wachstumstempo nicht abrupt normalisiert, sondern nur langsam abflaut. Für 2027 werden rund 17 Prozent Wachstum erwartet, bei einem Gewinn je Aktie von etwa 385 bis 390 US-Dollar. Für 2028 sind es noch etwa 15 Prozent, mit einem Gewinn von rund 445 bis 450 US-Dollar. Der Markt preist damit im Grunde eine mehrjährige, strukturelle Beschleunigung der Unternehmensgewinne ein und nicht nur einen kurzfristigen Sondereffekt. Die Börse setzt also nicht nur auf ein starkes Jahr, sondern auf eine dauerhaft positive Entwicklung über mehrere Jahre hinweg.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu 2010 und 2021, und genau das macht die Situation auch für ETF-Anleger im S&P 500 oder im MSCI World relevant. In den beiden Vorgängerjahren gab es einen eingebauten Sicherheitspuffer. Selbst wenn die Erholung enttäuschte, ging es nur zurück auf ein bereits eingepreistes, niedrigeres Ausgangsniveau. 2026 gibt es diesen Puffer nicht. Die Erwartungen bauen direkt auf einem Rekordniveau auf und setzen voraus, dass die aktuelle, von Künstlicher Intelligenz getriebene Gewinn- und Investitionsdynamik über mehrere Jahre anhält.
Für Anleger ist das vor allem eine Frage des Erwartungsmanagements: Sollten die Zahlen der Unternehmen im dritten oder vierten Quartal 2026 hinter diesen ambitionierten Erwartungen zurückbleiben, fehlt die historische Erzählung von der Rückkehr zum Mittelwert, die frühere Enttäuschungen bislang abgefedert hat. Da die großen amerikanischen Technologieunternehmen im S&P 500, und erst recht im MSCI World, inzwischen ein erhebliches Gewicht haben, würde sich eine solche Enttäuschung nicht auf einzelne Aktien beschränken, sondern schnell auf die breitere Aktienallokation durchschlagen.
Das heißt nicht, dass die erwarteten Gewinnsteigerungen durch Künstliche Intelligenz ausbleiben müssen. Es heißt aber, dass ein Depot, das stark auf amerikanische Standardindizes konzentriert ist, aktuell eine überdurchschnittlich hohe Erwartungshaltung mitträgt, ohne den Risikopuffer, den es in vergangenen Erholungsphasen gab.
Der S&P 500 ist derzeit nicht nur teuer, sondern vor allem von hohen Erwartungen getragen. Das macht den Index für Anleger mit hoher US- oder Technologiegewichtung anfälliger für Enttäuschungen, selbst wenn die Unternehmensgewinne grundsätzlich weiter steigen.
Für die langfristige Vermögensplanung ist deshalb entscheidend, nicht nur auf mögliche Chancen zu schauen, sondern auch die Abhängigkeiten im eigenen Portfolio zu verstehen. Wer nämlich sein Vermögen breiter über Regionen, Branchen und Anlageklassen streut, macht sich weniger abhängig von genau diesem einen Szenario: dass sich die aktuell sehr optimistischen Konsensschätzungen tatsächlich vollständig erfüllen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar.
Über den Autor
Florenz Dietz
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Florenz Dietz ist seit Januar 2024 als Associate Portfolio Manager bei FINVIA tätig. Zuvor absolvierte er von 2018 bis 2023 eine duale Ausbildung im Bereich Private Wealth Management, Asset Management und Corporates & Markets bei ODDO BHF, wo er bereits praktische Erfahrungen sammelte.
Florenz Dietz hat einen Master von der Trinity Business School in Dublin (2022–2023), seinen Bachelor erwarb er an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (2018–2021).