Rückblick

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Pyramiden am Balkan

19.10.2020

Wahrscheinlich hat der argentinische Fußballstar Diego Maradona niemals von Lushnja gehört. Und doch hielten sich zum Jahreswechsel 1996/97 Gerüchte in dem kleinen Ort mit seinen gut 30.000 Einwohnern, dass der Altstar seinen Heimatklub Boca Juniors noch einmal verlassen und die Schuhe für den örtlichen Verein KS Lushnja schnüren würde. Und warum auch nicht, schließlich hatte der Hauptsponsor des Vereins, die Finanzfirma Xhafferi, bereits Maradonas Landsmann, den früheren Weltmeister Mario Kempes, als Trainer verpflichtet. Angeblich bekam er dafür umgerechnet 350.000 Euro im Jahr, viel Geld für einen Fußballtrainer in den neunziger Jahren.

Ganz groß rauskommen wollte der Club. Doch der Traum vom KS Lushnja als europäische Fußballmacht war wohl einfach zu schön, um wahr zu sein. Xhafferi kollabierte Anfang 1997, als sich herausstellte, dass die Firma ein Schneeballsystem betrieben hatte. Etwa 1,5 Millionen Menschen hatten ihr Geld dort geparkt, gelockt von dem Versprechen, das eingesetzte Geld werde innerhalb von drei Monaten verdreifacht.

Im November 1996 hatten Albaner umgerechnet 1,2 Milliarden US-Dollar in diese Pyramidensysteme gesteckt, mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

Damit hatte aber nicht nur Xhafferi geworben, sondern zwei Dutzend ähnliche Firmen auch. Mit absurd hohen Renditen lockten sie albanische Anleger – und die schlugen zu als würde es kein Morgen geben. Im November 1996 hatten Albaner umgerechnet 1,2 Milliarden US-Dollar in diese Pyramidensysteme gesteckt, mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Wenig später brach das System zusammen und damit fast ein ganzer Staat.

Der kleine Balkanstaat stürzte ins Chaos, geprellte Anleger protestierten, traten in den Hungerstreik, plünderten Waffendepots der Armee und entrissen der Regierung zwischenzeitlich die Kontrolle über Teile des Landes. Am Ende mussten Blauhelme der Vereinten Nationen einrücken, um die Situation zu beruhigen. Als sich der Staub legte, waren 2000 Menschen tot.

Eine Paradies für Betrüger

Die Gründe für eine solche Eskalation lassen sich im Nachhinein nur bruchstückhaft zusammensetzen. Doch einer der wichtigsten: In Albanien hatten vermutlich nur wenige ein Gespür dafür wie ein offener Finanzmarkt zu funktionieren hat. Das Land hatte sich erst Anfang der neunziger Jahre aus dem Griff des Kommunismus befreit und da hatte Diktator Enver Hoxha Albanien bereits zum Armenhaus Europas gemacht. 1992 gab es in dem Land zum Beispiel keine einzige Ampel. Was allerdings auch nicht weiter auffiel, schließlich gab es nur etwa 5.500 Autos in ganz Albanien.

Trotz dieser schlechten Startbedingungen kam die Nation in den neunziger Jahren schnell zu einem gewissen Wohlstand. Albaner reisten als billige Arbeitskräfte nach Westeuropa – vor allem Italien – und das Land agierte als Zwischenstation für Öllieferungen in die Bundesrepublik Jugoslawien, die aufgrund eines Bürgerkrieges eigentlich unter UN-Sanktionen litt. An verlässlichen Möglichkeiten, das verdiente Geld anzulegen, fehlte es aber weiterhin.

Weil die staatlichen Banken als weitgehend inkompetent galten, konnten private Anbieter diese Marktlücke füllen, zunächst als eine Art Bankhäuser ohne Lizenz. Nach und nach tauchten aber auch Firmen im informellen Finanzsektor auf, die das Geld nicht einfach verwalteten, sondern aktiv investierten, teilweise sehr öffentlichkeitswirksam wie etwa im Falle Xhafferi.

Auswärtige Beobachter wie der Internationale Währungsfonds vermuteten zwar früh, dass die Firmen in den Ölschmuggel nach Jugoslawien verwickelt waren und Geld für die organisierte Kriminalität wuschen. Bewiesen wurde dies aber nie.

Als die Sanktionen gegen Jugoslawien Ende 1995 aufgehoben wurden, schraubten die Schneeball-Firmen wie VEFA, Gjallica oder Kamberi ihre Zinsen nach und nach weiter nach oben. Sämtliche Auszahlungen an die alten Anleger wurden mithilfe der Einzahlungen neuer Investoren getätigt. Tatsächliche Gewinne generierten die Unternehmen nicht.

Neue Firmen kamen in den Markt und boten noch höhere Zinsen, die dann von wieder neuen Unternehmen mit ihren noch höheren Zinsen überboten wurden.

Das Rad drehte sich immer schneller: Neue Firmen kamen in den Markt und boten noch höhere Zinsen, die dann von wieder neuen Unternehmen mit ihren noch höheren Zinsen überboten wurden. Mitte 1996 hatte fast jeder Albaner Geld in einem solchen Schneeballsystem angelegt, manche verkauften ihre Häuser, Bauern verkauften ihr Vieh, nur um Geld zu investieren. Warnungen von Weltbank und IWF blieben ungehört.

1996 dann der Knall: Die Firma Sude brach zusammen und mit ihr das Schneeballsystem, das die Geschäftsgrundlage war. Die albanischen Anleger wurden nun vorsichtiger, der stetige Zufluss neuer Mittel versiegte. Dadurch waren plötzlich auch andere Schneeballsysteme nicht mehr haltbar. Anfang 1997 folgten nach und nach fast alle relevanten Marktteilnehmer Sude in den Bankrott. Fast unmittelbar protestierten landesweit geprellte Anleger, Studenten der Universität Tirana traten in den Hungerstreik. Im März musste die Regierung zurücktreten, weil viele Bürger sie mitverantwortlich für den Erfolg der Betrüger machten.

Banden und Blauhelme

Zwischen Januar und August 1997 herrschten in Albanien bürgerkriegsähnliche Zustände. Besonders im Süden verlor die Regierung jeglichen Zugriff. Einige Städte wurden de facto von Gangs regiert, die ihre Mitglieder durch Plünderungen von Waffenlagern der Armee ausrüsteten. In Vlora, der drittgrößten Stadt des Landes, herrschte Berichten zufolge ab 13 Uhr jeden Tag Ausgangssperre, damit die verschiedenen Banden sich in Ruhe bekriegen konnten. Im April entsandten schließlich die Vereinten Nationen im Rahmen der Operation Alba 7.000 Soldaten nach Albanien, um die Ordnung wiederherzustellen.

Der Einsatz der Blauhelme und eine schnell angesetzte Neuwahl im Juni 1997 beruhigten die Lage im Laufe des Spätsommers nach und nach. Die neue Regierung beschloss, die Schneeballsysteme von ausländischen Verwaltern abwickeln zu lassen. Allerdings konnten diese aufgrund diverser Verzögerungen ihre Arbeit erst Anfang 1998 aufnehmen. Die Betreiber der Firmen hatten in der Zwischenzeit viele Vermögenswerte aufgelöst oder zur Seite geschafft. Lediglich bei zwei der Operationen – Xhafferi und Popullli – konnte einiges an Geld zurückgeholt werden, da sie ihre liquiden Mittel bei den Staatsbanken gebunkert hatten, wo die Regierung sie Anfang 1997 einfrieren ließ.

Ein Großteil der Anleger aber blieb am Ende auf den Verlusten sitzen. Auch der Star-Trainer Mario Kempes verließ Albanien wieder, nachdem er nur einen Bruchteil seines Luxusgehalts kassiert hatte. Maradona kam indes nie in den Balkanstaat und in Lushnja warten sie bis heute auf den ersten Europapokal.

Pyramiden am Balkan

Rückblick

Pyramiden am Balkan

19.10.2020

Lars-Thorben Niggehoff

Selten führt eine geplatzte Betrugsmasche gleich zum Kollaps eines ganzen Staates. In Albanien wäre 1997 genau das fast passiert. Welche Rolle Betrüger, Blauhelme und ein Fußballstar dabei spielten.

Wahrscheinlich hat der argentinische Fußballstar Diego Maradona niemals von Lushnja gehört. Und doch hielten sich zum Jahreswechsel 1996/97 Gerüchte in dem kleinen Ort mit seinen gut 30.000 Einwohnern, dass der Altstar seinen Heimatklub Boca Juniors noch einmal verlassen und die Schuhe für den örtlichen Verein KS Lushnja schnüren würde. Und warum auch nicht, schließlich hatte der Hauptsponsor des Vereins, die Finanzfirma Xhafferi, bereits Maradonas Landsmann, den früheren Weltmeister Mario Kempes, als Trainer verpflichtet. Angeblich bekam er dafür umgerechnet 350.000 Euro im Jahr, viel Geld für einen Fußballtrainer in den neunziger Jahren.

Ganz groß rauskommen wollte der Club. Doch der Traum vom KS Lushnja als europäische Fußballmacht war wohl einfach zu schön, um wahr zu sein. Xhafferi kollabierte Anfang 1997, als sich herausstellte, dass die Firma ein Schneeballsystem betrieben hatte. Etwa 1,5 Millionen Menschen hatten ihr Geld dort geparkt, gelockt von dem Versprechen, das eingesetzte Geld werde innerhalb von drei Monaten verdreifacht.

Im November 1996 hatten Albaner umgerechnet 1,2 Milliarden US-Dollar in diese Pyramidensysteme gesteckt, mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts.

Damit hatte aber nicht nur Xhafferi geworben, sondern zwei Dutzend ähnliche Firmen auch. Mit absurd hohen Renditen lockten sie albanische Anleger – und die schlugen zu als würde es kein Morgen geben. Im November 1996 hatten Albaner umgerechnet 1,2 Milliarden US-Dollar in diese Pyramidensysteme gesteckt, mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Wenig später brach das System zusammen und damit fast ein ganzer Staat.

Der kleine Balkanstaat stürzte ins Chaos, geprellte Anleger protestierten, traten in den Hungerstreik, plünderten Waffendepots der Armee und entrissen der Regierung zwischenzeitlich die Kontrolle über Teile des Landes. Am Ende mussten Blauhelme der Vereinten Nationen einrücken, um die Situation zu beruhigen. Als sich der Staub legte, waren 2000 Menschen tot.

Eine Paradies für Betrüger

Die Gründe für eine solche Eskalation lassen sich im Nachhinein nur bruchstückhaft zusammensetzen. Doch einer der wichtigsten: In Albanien hatten vermutlich nur wenige ein Gespür dafür wie ein offener Finanzmarkt zu funktionieren hat. Das Land hatte sich erst Anfang der neunziger Jahre aus dem Griff des Kommunismus befreit und da hatte Diktator Enver Hoxha Albanien bereits zum Armenhaus Europas gemacht. 1992 gab es in dem Land zum Beispiel keine einzige Ampel. Was allerdings auch nicht weiter auffiel, schließlich gab es nur etwa 5.500 Autos in ganz Albanien.

Trotz dieser schlechten Startbedingungen kam die Nation in den neunziger Jahren schnell zu einem gewissen Wohlstand. Albaner reisten als billige Arbeitskräfte nach Westeuropa – vor allem Italien – und das Land agierte als Zwischenstation für Öllieferungen in die Bundesrepublik Jugoslawien, die aufgrund eines Bürgerkrieges eigentlich unter UN-Sanktionen litt. An verlässlichen Möglichkeiten, das verdiente Geld anzulegen, fehlte es aber weiterhin.

Weil die staatlichen Banken als weitgehend inkompetent galten, konnten private Anbieter diese Marktlücke füllen, zunächst als eine Art Bankhäuser ohne Lizenz. Nach und nach tauchten aber auch Firmen im informellen Finanzsektor auf, die das Geld nicht einfach verwalteten, sondern aktiv investierten, teilweise sehr öffentlichkeitswirksam wie etwa im Falle Xhafferi.

Auswärtige Beobachter wie der Internationale Währungsfonds vermuteten zwar früh, dass die Firmen in den Ölschmuggel nach Jugoslawien verwickelt waren und Geld für die organisierte Kriminalität wuschen. Bewiesen wurde dies aber nie.

Als die Sanktionen gegen Jugoslawien Ende 1995 aufgehoben wurden, schraubten die Schneeball-Firmen wie VEFA, Gjallica oder Kamberi ihre Zinsen nach und nach weiter nach oben. Sämtliche Auszahlungen an die alten Anleger wurden mithilfe der Einzahlungen neuer Investoren getätigt. Tatsächliche Gewinne generierten die Unternehmen nicht.

Neue Firmen kamen in den Markt und boten noch höhere Zinsen, die dann von wieder neuen Unternehmen mit ihren noch höheren Zinsen überboten wurden.

Das Rad drehte sich immer schneller: Neue Firmen kamen in den Markt und boten noch höhere Zinsen, die dann von wieder neuen Unternehmen mit ihren noch höheren Zinsen überboten wurden. Mitte 1996 hatte fast jeder Albaner Geld in einem solchen Schneeballsystem angelegt, manche verkauften ihre Häuser, Bauern verkauften ihr Vieh, nur um Geld zu investieren. Warnungen von Weltbank und IWF blieben ungehört.

1996 dann der Knall: Die Firma Sude brach zusammen und mit ihr das Schneeballsystem, das die Geschäftsgrundlage war. Die albanischen Anleger wurden nun vorsichtiger, der stetige Zufluss neuer Mittel versiegte. Dadurch waren plötzlich auch andere Schneeballsysteme nicht mehr haltbar. Anfang 1997 folgten nach und nach fast alle relevanten Marktteilnehmer Sude in den Bankrott. Fast unmittelbar protestierten landesweit geprellte Anleger, Studenten der Universität Tirana traten in den Hungerstreik. Im März musste die Regierung zurücktreten, weil viele Bürger sie mitverantwortlich für den Erfolg der Betrüger machten.

Banden und Blauhelme

Zwischen Januar und August 1997 herrschten in Albanien bürgerkriegsähnliche Zustände. Besonders im Süden verlor die Regierung jeglichen Zugriff. Einige Städte wurden de facto von Gangs regiert, die ihre Mitglieder durch Plünderungen von Waffenlagern der Armee ausrüsteten. In Vlora, der drittgrößten Stadt des Landes, herrschte Berichten zufolge ab 13 Uhr jeden Tag Ausgangssperre, damit die verschiedenen Banden sich in Ruhe bekriegen konnten. Im April entsandten schließlich die Vereinten Nationen im Rahmen der Operation Alba 7.000 Soldaten nach Albanien, um die Ordnung wiederherzustellen.

Der Einsatz der Blauhelme und eine schnell angesetzte Neuwahl im Juni 1997 beruhigten die Lage im Laufe des Spätsommers nach und nach. Die neue Regierung beschloss, die Schneeballsysteme von ausländischen Verwaltern abwickeln zu lassen. Allerdings konnten diese aufgrund diverser Verzögerungen ihre Arbeit erst Anfang 1998 aufnehmen. Die Betreiber der Firmen hatten in der Zwischenzeit viele Vermögenswerte aufgelöst oder zur Seite geschafft. Lediglich bei zwei der Operationen – Xhafferi und Popullli – konnte einiges an Geld zurückgeholt werden, da sie ihre liquiden Mittel bei den Staatsbanken gebunkert hatten, wo die Regierung sie Anfang 1997 einfrieren ließ.

Ein Großteil der Anleger aber blieb am Ende auf den Verlusten sitzen. Auch der Star-Trainer Mario Kempes verließ Albanien wieder, nachdem er nur einen Bruchteil seines Luxusgehalts kassiert hatte. Maradona kam indes nie in den Balkanstaat und in Lushnja warten sie bis heute auf den ersten Europapokal.

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Lars-Thorben Niggehoff

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Lars-Thorben Niggehoff schreibt über Immobilien, Start-Ups und Geldanlage.

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