Kapitalmarktausblick 07/2026
Hat das Platzen der KI-Blase begonnen?
Von 4 Prognosemodellen, die seit 54, 79, 106 und 126 Jahren zuverlässig die US-Aktienkursveränderungen der jeweils folgenden 10 Jahre vorhergesagt haben, zeigen aktuell 3 eine Bewertung des US-Aktienmarktes an, die es in dieser Höhe noch nie gab. Nur 1 Modell zeigte einmal, nämlich im Jahr 1929, eine noch höhere Bewertung an. Darauf folgten die Weltwirtschaftskrise und ein Aktiencrash in den USA mit Verlusten von über 80%. Im Juli zeigen sich auch bei kurzfristig für die künftige Aktienkursentwicklung aussagekräftigen Indikatoren neue Rekorde, die auf erhöhte Kursrisiken in den nächsten 2 Jahren hinweisen. Dazu gehört auch der Trend zu steigenden Zinsen, den der geniale und unvergleichliche US-Präsident mit seinem Krieg gegen den Iran ausgelöst hat. Dieser ermöglicht Herrn Trump attraktive Insider-Geschäfte und lenkt von den Epstein-Files ab. Er könnte jedoch auch ein Vorbote fallender Aktienkurse sein. Anleger der Eurozone sollten ihren aktienorientierten Depots Gold und Euro-Staatsanleihen sowie defensive Aktiensektoren beimischen und sich bei den Modethemen Künstliche Intelligenz (KI) und Chipherstellung zurückhalten.
Im Juni hatten wir einen Vergleich der Bewertung des US-Aktienmarktes mit anderen Aktienmärkten, mit anderen Anlageformen in den USA und mit der eigenen Historie anhand von 4 Bewertungsmodellen angestellt. Grafik 1 zeigt diese 4 Modelle, von denen 2 über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren zurückreichen.

Das Ergebnis war, dass der US-Aktienmarkt nur bei einem einzigen Modell – den trendbereinigten realen Aktienkursen (schwarze Linie in Grafik 1) – in einem einzigen Jahr – 1929 – teurer war als im Mai 2026. Dieses Modell ermöglicht seit über 100 Jahren eine sehr gute Prognose der US-Aktienkursentwicklung in den nächsten 10 Jahren (Grafik 2) und lässt bis 2036 ein jährliches Minus von 5% erwarten. Alle anderen Modelle erreichten vor einigen Wochen ebenfalls ihren Rekordwert und sind Ende Juli 2026 noch fast auf dem gleichen Niveau. Da alle Modelle seit vielen Jahrzehnten eine überdurchschnittlich gute Prognose für die Kursgewinne der nächsten 10 Jahre ermöglichen, obwohl sie sehr unterschiedliche Einflussfaktoren aufweisen, sollten Anleger daher insbesondere beim aufgeblähten Sektor KI vorsichtiger werden. Aktuell weisen auch die nachfolgend dargestellten Modelle, die kurzfristige Prognosen für die nächsten 2 Jahre liefern, auf hohe Risiken hin.
Das Volumen der Kredite zur Finanzierung von Aktienkäufen in % des Volkseinkommens übertraf seit Anfang 2026 den bis dahin noch nie erreichten Wert von 4% und sprang in den letzten Wochen auf 4,6%. Selbst während der Internet- und Telekom-Blase betrugen die Kredite für Aktienkäufe maximal 3% (Grafik 3).

Vor der Finanzkrise hätten schon Aktienkredite von 3% des US-Volkseinkommens zweistellige Kursverluste in den nächsten 2 Jahren vorhergesagt (Grafik 4). Aktuell fallen die zu erwartenden Kursverluste moderater aus (Grafik 5), weil es seit 2015 kaum noch 2-Jahres-Zeiträume mit nennenswerten Verlusten gab; in einem Aktienboom sieht eben alles friedlich und risikolos aus.
Auch die Netto-Aktienkäufe von ausländischen Investoren übertreffen mit ihrem aktuellen Rekordwert (Grafik 6) den bisherigen Höchststand aus dem Nullzinsjahr 2021 um einen vollen Prozentpunkt und die Spitzenwerte aus der Zeit der Internetblase (2000) und der Zeit vor dem Ausbruch der Finanzkrise (2007) noch deutlicher. Hohe Netto-Aktienkäufe der Ausländer gehen häufig mit Kursverlusten in den folgenden 2 Jahren einher (Grafik 7).

Ein weiteres Risiko, das insbesondere den extrem hoch bewerteten US-Aktienmarkt nicht erst in 10 Jahren belasten dürfte, ist der seit einigen Monaten erfolgte Anstieg der kurzfristigen Zinsen in den großen Volkswirtschaften außer China. Die Europäische Zentralbank hat seit ihrer Entstehung die bemerkenswerte Eigenart, auf einen deutlichen Anstieg des Ölpreises mit einer letzten Zinserhöhung zu reagieren (Grafik 8). Diese Zinserhöhungen erwiesen sich meistens als Fehler. Danach war nämlich immer der Ölpreisanstieg beendet und außer 2022 fielen die Aktienkurse, was auf eine sich abschwächende Wirtschaft hindeutete (Grafik 9, 2000, 2008 und 2011 musste die Zinserhöhung sofort wieder zurückgenommen werden, da die Wirtschaft der Eurozone ab 2000 in eine Schwächephase und 2008 und 2011 sogar in eine Rezession geriet).

Am Beispiel Italiens, das seit 1970 acht Aktienkurseinbrüche von mindestens 30% erlebte (Grafik 10) – die anderen nachfolgend untersuchten Länder USA, Japan, Großbritannien, Frankreich und Deutschland mussten Vergleichbares nur maximal fünfmal ertragen -, zeigt sich ein klarer Trend der kurzfristigen Zinsen vor dem jeweiligen Kurseinbruch. Bei 90% der 29 Aktienkursanstiege, denen ein Kursrückgang von mindestens 30% folgte, waren die Geldmarktzinsen vor dem Kursgipfel angestiegen (Grafik 11 zeigt für Italien 7 Zinsanstiege und 1 leichten Zinsrückgang ab Mai 1986).

Grafik 12 zeigt den durchschnittlichen Aktienkursverlauf von 6 Ländern in 29 Fällen mit einem Kursrückgang von mindestens 30%; Grafik 13 zeigt den dazugehörigen Anstieg der Geldmarktzinsen bis zum Aktienkursgipfel.

Im Juli 2026 sind nun erneut in allen 6 untersuchten Ländern die kurzfristigen Zinsen seit mindestens 6 Monaten angestiegen, wobei hier die Zinsen der 2-jährigen Staatsanleihen gezeigt werden, die einen zuverlässigen Frühindikator für die Geldmarktzinsen darstellen. Grafik 14 zeigt für die USA, dass die blaue Linie (2-jährige Staatsanleihen) der orangenen Linie seit 1992 vorausläuft und in den letzten Wochen nach oben ausgebrochen ist. Sofern Präsident Trump den Krieg gegen den Iran, den er ohne Beachtung der Meinung seines Geheimdienstes losgetreten hat, nicht sehr bald beenden kann, sollte sich der Trend steigender Geldmarktzinsen, der aus dem Renditeanstieg der 2-jährigen Staatsanleihen abzuleiten ist (Grafik 15), auch in den USA zeigen, deren Geldmarktzinsen noch nicht angehoben wurden. Dies wird dem US-Aktienboom schaden.

Grafik 16 zeigt, dass seit fast 80 Jahren auf steigende Geldmarktzinsen fast immer eine Rezession folgte. 2023 blieben die USA davon verschont, weil ab Ende 2022 der Aktienboom aufgrund der Phantasie zum Thema KI die US-Wirtschaft neu belebte. Dabei spielten die hohen Investitionen in Rechenzentren und die steigende Konsumbereitschaft der US-Aktienanleger aufgrund ihres wachsenden Aktienvermögens eine entscheidende Rolle. Sollten die allmählich aufkommenden Zweifel am KI-Boom zunehmen, kann die Rezessionsgefahr in den USA deutlich steigen, insbesondere bei fallenden Aktienkursen.

Nun muss man deswegen jedoch nicht alle Aktien verkaufen. Die folgenden Grafiken zeigen anhand von 6 Zeitabschnitten, in denen der weltweite Aktienindex MSCI ACWI mindestens 15% verloren hatte, wie man ein überwiegend in Aktien angelegtes Vermögen „wetterfest“ machen kann.
Dabei ist die erste und wichtigste Erkenntnis, dass Gold und deutsche Renten mit weitem Abstand die besten Beimischungen für Krisenzeiten sind (Grafik 17). Gold hat in 4 dieser Krisen zugelegt und nur zweimal leichte Verluste erlitten, während Renten nur einmal ein allerdings kräftiges Minus erwirtschaftet hatten (Inflationskrise 2022), weil Renten zu Beginn dieser Phase selbst in einer Blase gewesen waren, die dann wegen der Inflation platzte.

Die folgenden 6 Grafiken zeigen neben Gold und Renten die verschiedenen Sektoren oder Branchen des weltweiten Aktienmarktes. Dabei fällt auf, dass nach Gold und Renten auch Gesundheits- und Basis- Konsumgüteraktien meistens vordere Plätze belegt und immer deutlich weniger Verluste als der Gesamtindex (schwarze Linie) gemacht haben. Auch diese eignen sich als risikosenkende Beimischung. Die zweite Erkenntnis, die für die Beurteilung der aktuellen Situation interessant ist, zeigt sich beim Platzen der Internet- und Telekomblase des Jahres 2000 (Grafik 19). Die Verluste der IT- und Kommunikationsfirmen erreichten weit überdurchschnittliche 80% bzw. 67%.


Betrachtet man einige große Länder und Regionen des weltweiten Aktienmarktes, so fällt auf, dass deren Kursverläufe während der 6 Krisen ähnlicher sind als die der Sektoren. Eine Risikosenkung durch die Auswahl bestimmter Länder drängt sich nicht auf; die Risikosenkung gelang in diesen 6 Krisen durch die Beimischung von Gold und Renten am besten.


Nun betrachten wir zunächst die beiden wichtigsten Risikosenker, nämlich Gold und Renten. Als der Indikator des Gold-Prognosemodells im Januar 2026 die rote Linie überschritten hatte (Grafik 30), empfahlen wir einen Teilverkauf der Goldbestände. Durch Trumps Angriff auf den Iran stiegen Inflationsraten, Zinsen und der US-Dollar an, was den Goldpreis belastete. Inzwischen ist mittelfristig eher mit sinkenden Ölpreisen zu rechnen (wenn Trump nicht noch auf die Idee verfällt, im Iran Bodentruppen einzusetzen), was den Zinsanstieg stoppen und dem Goldpreis helfen wird. Die Ertragserwartung für Gold bis 2036 liegt wieder bei soliden 6,5% p.a. (Grafik 31). Gold bleibt damit ein Risikosenker.

Auch bei Bundesanleihen ist die Ertragserwartung nach dem kräftigen Zinsanstieg ab dem Jahr 2020 (Grafik 32) wieder in den Bereich von 4% p.a. gestiegen (Grafik 33). Damit werden sie ebenso wie die etwas höher verzinslichen Anleihen aus Italien und Spanien für Anleger in der Eurozone ihre Funktion als Risikosenker ausüben können.

Als Beimischung erscheinen auch kleinere europäische Firmen als gut geeignet. Sie sind unterbewertet (Grafik 34), bieten eine Ertragserwartung von 10% p.a. (Grafik 35) und sollten bei bald wieder sinkenden Zinsen besser performen als europäische Standardwerte (Grafik 36).

Auch die defensiven Sektoren des weltweiten Aktienmarktes (Gesundheitsaktien, Basis-Konsumgüter-Aktien und Stromversorger) dürften sich bei fortgesetzter Schwäche der KI-Aktien gut behaupten können.
Fazit: In den letzten Tagen gab es bei Aktien aus dem Bereich der KI und der Chipproduktion in den USA und in Asien, aber auch beim deutschen Chiphersteller Infineon (Kursverfall von 88 € Anfang Juni auf 54 €) deutliche Kurseinbrüche. Auch die Zweifel über die Kreislaufwirtschaft der KI-Branche (jüngster Fall: Nvidia garantiert der hochdefizitären OpenAI eine Finanzierung über 250 Mrd. US-Dollar für den Bau eines riesigen Rechenzentrums, Quelle: Spiegel.de vom 27.7.2026) nehmen zu. Das Platzen dieser Blase könnte demzufolge begonnen haben. Davon müssen allerdings andere Bereiche des Aktienmarktes nicht zwangsläufig infiziert werden. Auch in früheren Krisen hat es häufig nur im aufgeblähten Bereich gekracht. Insbesondere Gold, Euro-Staatsanleihen und defensive Aktiensektoren weltweit sollten mindestens stabil bleiben.
Abschließend unsere Kernaussagen aus dem FINVIA-Kapitalmarktausblick vom Juli 2021, den Sie hier finden:
Vor 5 Jahren untersuchten wir die Ineffizienz des deutschen Sozialstaates und die daraus folgende hohe implizite Staatsverschuldung, die zu höheren Staatsschulden in Deutschland im Vergleich zu Italien führt, ohne dass die Mehrzahl der Deutschen nennenswertes Vermögen ansammeln konnten. Ihre Vermögenssituation sieht im Vergleich zu den anderen Staaten der Eurozone schlecht aus. Außerdem warnten wir vor einer weltweiten Überbewertung von Aktien. Tatsächlich fielen danach sowohl der US-Aktienindex S&P 500 als auch der Aktienindex der Eurozone, der Eurostoxx 50, bis zum Herbst 2022 jeweils um knapp 20%.
Den Kapitalmarktausblick können Sie auch hier herunterladen.