Kapitalmarktausblick 09/2020
Politik als neuer Treiber der Kapitalmärkte
Einführung
Bedingt durch die weltweite Corona-Pandemie hat der Einfluss der Regierungen und der Zentralbanken, also des Staates auf die Wirtschaft, in den letzten Monaten massiv zugenommen. Daher müssen wir uns heute zu unserem eigenen Bedauern auf das glatte Parkett der Politik begeben. Wir werden den Versuch unternehmen, aus der Geschichte Erkenntnisse über die Wirkung von Politik auf die langfristige Entwicklung von Nationen zu gewinnen und daraus konkrete Aussagen über die künftigen politischen Chancen und Risiken von Kapitalmärkten abzuleiten.
Vor knapp 30 Jahren erschien das berühmt gewordene Buch „Das Ende der Geschichte“ des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama. Der Autor glaubte nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, dass der Kapitalismus gesiegt habe und sich nun alle Nationen zu einem freien Wirtschaftssystem, zur Demokratie und damit aus Eigeninteresse zu einem friedlichen Miteinander hinwenden würden. Dieses rosige Bild begann schon nach der Finanzkrise 2008 zu verblassen. Inzwischen ist es zu Staub zerfallen: es gibt einen Handelskrieg USA vs. China, eine massive Aufrüstung in China, Saudi-Arabien, Russland, Ostasien, es gibt den Brexit und Diktaturen in Russland, Türkei und hoffentlich nicht auch noch USA.
Die Corona-Pandemie hat diese schon vor einigen Jahren begonnene Entwicklung massiv beschleunigt. Sie hat nämlich die Risiken weltweiter Handelsbeziehungen mit plötzlichem Ausfall von dringend notwendigen Zulieferteilen oder Exportmärkten, aber auch die Risiken der Freizügigkeit für die Menschen schonungslos offengelegt.
Für den Kapitalanleger stellt sich damit nachdrücklich die Frage: Welche Regionen, aber auch welche Politikstile werden in dieser neuen Ära gut oder weniger gut zurechtkommen und wo wird das Kapital also relativ sicher sein?
Die Rolle von Bildung, Freizügigkeit und Eigentumsrechten
Zum Thema „Aufstieg und Fall von Nationen“ sind zahlreiche Bücher erschienen, von denen sich einige besonders intensiv mit einzelnen zeitlos gültigen Faktoren der Entwicklung von Nationen auseinandersetzen.
Der US- Wirtschaftshistoriker David Landes beschäftigte sich in „Wohlstand und Armut der Nationen“ (Berlin 1999) mit dem Aufstieg Europas seit der Renaissance, als gleichzeitig das bis dahin technologisch, wirtschaftlich und kulturell führende China langsam abzusteigen begann.
Als Initialzündung für Europa sah er die plötzliche schnelle Verbreitung von Wissen. Sie wurde ermöglicht durch die Erfindung des Buchdrucks und der Brille, die dem Gelehrten, Kaufmann oder Unternehmer die Lesefähigkeit auch nach Eintritt der Altersweitsichtigkeit bewahrte. Gleiches gilt für die Uhr, die Grundvoraussetzung für effiziente Terminvereinbarungen war, bspw. beim Koordinieren von Treffen von Kaufleuten oder dem Betreiben von Manufakturen, etc.
Vergleichbare Technologien gab es in China teilweise schon Jahrhunderte früher. Dort fehlte jedoch eine weitere Voraussetzung, die das Wissen in Wohlstand transformierte.
In China wurden erfolgreiche Erfinder und Unternehmer häufig von Mandarinen – hohen Staatsbeamten – durch „Schutzgelderpressung“ um ihre Gewinne gebracht. Sie konnten aus diesem riesigen Reich nicht entfliehen, zumal Ende des 15. Jahrhunderts sogar der Großschiffbau verboten wurde, um die Abwanderung von Unternehmern unmöglich zu machen. China schottete sich bewusst vom Wissenszuwachs der übrigen Welt ab, der man sich turmhoch überlegen fühlte.
Auch europäische Fürsten hätten gern ihre reichen Untertanen ausgeplündert, gefühlt hat sich dieser Reflex in abgeschwächter Form auch in den heutigen Demokratien erhalten. Aber die Untertanen fanden jenseits der meist nahen Grenzen leicht einen Regenten, der ihnen Steuerfreiheit oder andere Vorteile zusicherte. So konnte man in Europa viel besser als in China aus Innovationen ein Vermögen machen.
Wir erkennen hier die ersten zusammenhängenden Faktoren für künftigen Aufstieg, nämlich
- Bildung, insbesondere im technisch – naturwissenschaftlichen Bereich
- Freizügigkeit für Wissen, Menschen und Kapital und gesicherte Eigentumsrechte
Sie entfalten nur gemeinsam Wirkung. Die technisch-naturwissenschaftliche Bildung war – und ist – in den Ländern des ehemaligen Ostblocks überdurchschnittlich gut. Aber ohne Eigentumsrechte und Freizügigkeit konnte im Sozialismus kein Wohlstand entstehen.
Aktuelle Bewertung der Faktoren
Leider werden zurzeit diese Erfolgsfaktoren in immer mehr Ländern bewusst beschädigt. China, Russland und neuerdings auch die Türkei blockieren das Internet und verhaften oder vergiften Regimekritiker, damit ihre Bürger keine realistischen Berichte über ihre diktatorischen Regierungen mehr erhalten.
In Russland und der Türkei wird die Bildung beeinträchtigt, indem Fremdsprachenunterricht zugunsten von Religionsunterricht bzw. Unterricht in altosmanischer Sprache eingeschränkt wird. Das perfide Kalkül dahinter ist, dass junge Leute ohne Fremdsprachenkenntnisse eher nicht auswandern werden.
Korrespondierend leiden die hochklassigen Universitäten in den USA und Großbritannien unter niedrigeren Zahlen ausländischer Studenten und damit geringeren Einnahmen aus Studiengebühren.
Auch innovative Technologieunternehmen insbesondere in den USA klagen über rückläufiges Interesse ausländischer Wissenschaftler und Ingenieure. Darunter dürfte die bisher sehr hohe Qualität der Forschung in diesen beiden Ländern leiden.
Das anstößige Motiv hinter dieser von allen populistischen Regierungen verfolgten Einschränkung von Bildung und Freizügigkeit sprach Donald Trump im Wahljahr 2016 unverblümt aus: „Ich liebe die schlecht Gebildeten!“. Denen gegenüber kann man nämlich recht lange eine miserable Politik durch Lügengeschichten verschleiern und später die negativen Folgen anderen in die Schuhe schieben.
In Deutschland ist leider festzustellen, dass der jahrelange Widerstand gegen Wirtschaft als Schulfach in die gleiche Kategorie fällt. Nur wirtschaftlich Ungebildeten kann man die Mütterrente oder die Facharbeiterrente mit 63 Jahren, also jeweils Vergünstigungen, die bei den wirklich Bedürftigen gar nicht ankommen und daher hochgradig unsozial, teuer und überflüssig sind, als treusorgende Politik für die „kleinen Leute“ verkaufen. Gleiches gilt für den Mietendeckel zur Bekämpfung der hohen Mieten in Berlin.
Langfristig besonders negativ ist die Unwilligkeit der Regierenden, endlich eine vernünftige kapitalgedeckte Altersvorsorge in Form eines kostengünstigen staatlich organisierten Fonds mit dem Schwerpunkt Aktien aufzubauen.
Dieser Fehler ist in seiner langfristigen Wirkung so schädlich, dass die hiesigen Politiker ihn wohl mangels entsprechender Kenntnisse nicht bewusst machen.
Einer der wenigen, dem man einen gewissen Vorsatz unterstellen darf, ist Finanzminister Olaf Scholz, der in seiner Rolle hoffentlich über gewisse Grundkenntnisse der Kapitalmärkte verfügt.
Scholz biederte sich bei den SPD-Mitgliedern beim Kampf um den Parteivorsitz mit der lauten Aussage an, er würde sein Geld auf dem Sparkonto anlegen und hätte keine Aktien. Bestünde seine eigene Altersvorsorge nur aus der gesetzlichen Rentenversicherung, hätte er wie die meisten Besserverdiener mit Sicherheit nicht nur ein Sparkonto.
Gerade linken Politikern sollte die Idee einleuchten, die Fabriken durch eine aktienbasierte Altersvorsorge in die Hände der Arbeiter zu überführen. Das haben doch Karl Marx und Friedrich Engels schon vor über 150 Jahren gefordert. So bleibt die Kapitalanlage in Aktien ein scheinbares Privileg der „Reichen“, die schon historisch damit gut durch alle schweren Krisen gekommen sind. Warum die Armen keine Aktien besitzen und unbedingt zinslos auf dem Sparkonto sparen sollen, könnte Finanzminister Scholz mal genauer erklären. Es wäre eine sehr aufschlussreiche Argumentationskette.
Erstes Zwischenergebnis:
- Minuspunkte für Türkei, Russland, China, USA, Großbritannien und leider auch Deutschland
Die Rolle des Militärs
Der britische Historiker und Experte für Militärstrategien Paul Kennedy untersuchte in seinem Werk „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ (1988), wie wichtig die Anpassung der Militärausgaben an die Wirtschaftskraft für den dauerhaften Erfolg einer Großmacht ist. Der Einflussfaktor lautet also:
- Die Militärausgaben dürfen die Wirtschaftskraft nicht überfordern
Kennedy beleuchtete u.a. den Zerfall des römischen Reichs im 4. und 5. Jahrhundert, Spaniens im 16. und 17. Jahrhundert und Frankreichs im 18. Jahrhundert, dessen Konkursmasse von Napoleon übernommen wurde und der dann 20 Jahre lang plünderte, um die endgültige Pleite abzuwenden.
Überzogene Militärausgaben wie in Spanien im 16. und 17. Jhdt. und in Frankreich im 17. und 18. Jhdt. bzw. zu geringe Einnahmen wie im antiken Rom, das nach der Eroberung Dakiens unter Kaiser Trajan im 2. Jhdt. dessen ergiebige Goldminen ausbeuten konnte, aber danach kein lohnendes Opfer mehr fand, aber weiterhin eine riesige Armee bezahlen musste, waren nach seiner Erkenntnis für den Niedergang verantwortlich.
England war eigentlich recht klein, stand aber dennoch jahrhundertelang seit dem späten 16. Jahrhundert an der Spitze der Großmächte. Man machte dort wirtschaftlich vieles richtig. Es gab keine Zollgrenzen im Inland, das Patentrecht wurde im frühen 17. Jahrhundert erfunden und die Einflussfaktoren Freizügigkeit und gesicherte Eigentumsrechte – siehe oben - waren in hohem Masse gegeben.
Außerdem betrieb man sehr erfolgreich die Ausplünderung riesiger Kolonien und besteuerte die dabei entstandene Oberschicht recht hoch. Damit war für die gewaltige Kriegsflotte ausreichend Geld vorhanden. Erst die enormen Kosten der beiden Weltkriege gegen Deutschland sprengten die finanziellen Mittel des britischen Empire, und daher zerfiel es bald nach 1945.
Heute sehen wir hohe Rüstungsausgaben in China, Saudi-Arabien, Russland, in Ostasien aus Angst vor China und in der Türkei, deren Präsident Erdogan das Osmanische Reich wiedererrichten will.
Der offensichtlichste Kandidat, der seine Militärausgaben gemessen an den finanziellen Möglichkeiten überzieht, ist Russland. Das Volkseinkommen beträgt nur etwa 60% des deutschen Wertes. Auch bezogen auf das niedrigere allgemeine Preisniveau in Russland ist das dortige Volkseinkommen nicht höher als das deutsche. Die im Vergleich dazu wesentlich höheren Militärausgaben werden also von den Investitionen für die Zukunft des Landes abgezweigt.
Die Unzulänglichkeiten des Gesundheitswesens wurden durch die Corona-Epidemie offengelegt. Gerade gut ausgebildete junge Leute verlassen das Land in Scharen, was die Zukunftsperspektiven weiter einschränkt.
Seit Jahrzehnten haben die ölexportierenden Russen militärische Abenteuer immer nur dann unternommen, wenn der Ölpreis hoch war, also die Kasse stimmte: Beim Überfall auf Afghanistan Ende 1979 nach einem Ölpreisboom von 10 $ auf 40 $ pro Barrel, während des Krieges gegen Georgien 2008, als der Ölpreis über 100 $ stand und während der Annexion der Krim/Ostukraine 2014 mit einem Ölpreis ebenfalls über 100 $. Angesichts des aktuellen Ölpreises von 40 $ und dessen bescheidenen langfristigen Perspektiven ist Putins Militärkurs nicht nachhaltig.
Die Türkei riskiert durch den aktuell mutwillig herbeigeführten Konflikt mit dem NATO-Partner Griechenland große wirtschaftliche Nachteile. Die bewusst zur Ablenkung von der sich stetig verschlechternden Wirtschaftslage begonnenen Kriegsabenteuer in Nordsyrien und Libyen kosten viel Geld. Sie bringen aber keine Plünderungsgewinne.
An den massiv steigenden (Staats-) Schulden in China und den USA kann man ablesen, dass auch dort die aktuell hohen Militärausgaben nicht nachhaltig sein werden.
Auch die Finanzlage Saudi-Arabiens, stark geschwächt durch den Ölpreisverfall, lässt die Teilnahme am regionalen Rüstungswettlauf nicht ewig zu.
Zweites Zwischenergebnis
- Minuspunkte für Russland, Türkei, China, USA, Saudi-Arabien
Die Rolle des Lobbyismus
Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson bearbeitete in seinem Werk „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ (Tübingen 1985) zahlreiche mögliche Einflussfaktoren.
Zunächst untersuchte er die Frage, warum die beiden Verlierer des 2. Weltkrieges Deutschland und Japan nach 1945 trotz gewaltiger Kriegsschäden bis 1970 die pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der Siegermächte USA, Sowjetunion, England und Frankreich fast wieder erreicht oder sogar übertroffen hatten.
Die häufig vermutete Ursache, Deutsche und Japaner hätten ihre zerbombten Fabriken neu aufbauen und mit den modernsten Maschinen ausrüsten können, überzeugte ihn nicht. Dann wäre es nämlich am besten, wenn man in regelmäßigen Abständen die heimischen Fabriken durch die Luftwaffe zerstören und komplett neu aufbauen würde, was nach seiner Einschätzung kein Land reich machen könne.
- Der entscheidende Faktor für den Aufstieg war der fehlende Lobbyismus.
Für die USA konnte er nachweisen, dass in den US-Südstaaten, den Verlierern des amerikanischen Bürgerkrieges (1861 bis 1865), bei Kriegsende sämtliche Lobbyistenstrukturen zerstört waren.
Ähnlich wie in Deutschland und Japan nach 1945 gab es keine Unternehmens-verbände oder Kartelle mehr. Die Gewerkschaften waren wie ihre Mitglieder am schnellen Wiederaufbau und nicht an Streiks interessiert.
Lobbyisten der US-Banken haben seit den 1980er Jahren erfolgreich für den Abbau der nach der Großen Depression der 1930er Jahre eingeführten strengen Regulierung des Finanzsystems gekämpft.
Die bekannteste Folge waren extrem laxe Kreditvergabe auch an arme Leute zum Hauskauf auf Pump. Außerdem war es Banken wieder erlaubt, mit Spareinlagen an den Kapitalmärkten zu spekulieren, so dass große aggressive Investmentbanken, zu denen nicht nur Lehman Brothers zählte, entstanden. Beide Entwicklungen zusammen bewirkten die Finanzkrise ab 2007 in den USA.
US-Lobbyisten waren auch im US-Gesundheitssektor extrem erfolgreich, indem sie die Gesundheitsausgaben auf 18% des US-Volkseinkommens hochtrieben. Andere Industrieländer haben weniger als 12%, Schwellenländer noch viel weniger. Dennoch ist die Lebenserwartung der US-Bürger nicht besonders hoch. Die Trump-Regierung hat in den letzten Jahren insbesondere der Lobby der umweltbelastenden Energieindustrie gern nachgegeben. Trumps Milliardärskollegen, die viel Geld für seine Wahlkampagne spendiert hatten, freuten sich sicherlich über die Steuersenkung für die Unternehmen. Sie gaben aber die gesparten Beträge nicht für Investitionen und neue Jobs aus, sondern für Aktienrückkäufe.
Damit war dem klassischen Trump-Wähler in keiner Weise geholfen. Aber die Staatskasse wurde kräftig zur Ader gelassen.
An diesem Punkt ist der Unterschied einer langfristigen Ausrichtung der Anlagestrategie zur üblichen kurzfristigen Orientierung der Investoren und Analysten besonders gut zu erkennen. So ist man besorgt, weil ein Präsident Biden die Unternehmenssteuern moderat anheben möchte, wodurch aber die Nach-Steuer-Gewinne der US-Firmen etwas sinken werden.
Langfristige Anlagestrategen sind überzeugt, dass Trump durch die Zerstörung der politischen Kultur in den USA, durch Beschädigung der Beziehungen zu den meisten langjährigen Verbündeten des Landes, durch das völlig plan- und erfolgloses Anzetteln zahlreicher Handelskriege, die das Handelsdefizit der Amerikaner nicht gesenkt haben und die ignorante Bekämpfung der Corona-Pandemie, die USA erheblich geschwächt hat. Ein Sieg Bidens stärkt also mithin die USA.
Auch im soliden, braven und korrekten Deutschland gibt es krasse Fälle von Lobbyismus. Ein klares Beispiel für die direkte Schädigung des Staates ist der vieldiskutierte Cum-Ex-Skandal.
Findige Börsenhändler und Anwaltskanzleien hatten eine komplizierte Methode entwickelt, um durch Besitz und Verleih von Aktien in den Tagen um die Dividendenausschüttung herum, sowohl für die Aktien im Depot, als auch für die verliehenen Aktien, eine Rückerstattung der nur einmal gezahlten Kapitalertragsteuer zu beantragen und auch zu bekommen.
Finanzminister Schäuble unternahm jahrelang nichts gegen diese in seinem Ministerium bekannten Vorgänge. Wirklich beängstigend war aber der Versuch, diese Praxis zu stoppen. Man beauftragte die gleiche Anwaltskanzlei, die die Cum-Ex-Deals mit Steuergutachten unterstützt und ermöglicht hatte, mit der Formulierung der zur Abschaltung dieser Geschäfte erforderlichen Gesetzesänderungen.
Die abgezockten beauftragten Anwälte schrieben die Gesetze so um, dass die Deals künftig lediglich im Inland verboten waren. Also konnte die Staatskasse vom Ausland aus noch einige Jahre lang um hohe zweistellige Milliardenbeträge erleichtert werden.
Ein Staat, der nicht mehr in der Lage ist, seine komplizierte Steuergesetzgebung zu beherrschen, geschweige denn Fehler derselben zu beheben, sollte nicht immer neue Steuern erfinden.
Da fragt sich der gelernte Kleinbürger, wozu wir eigentlich die Heerscharen von (Finanz-) Beamten brauchen. Warum hat Frau Merkel das geniale Konzept zur Vereinfachung der Steuern in Deutschland ihres für ihre erste Kanzlerschaft 2005 designierten Finanzministers, des Heidelberger Professors Kirchhof, einfach verschwinden lassen?
Spätestens der ultrapeinliche Cum-Ex-Skandal wäre Anlass für jeden Finanzminister, Vereinfachungskonzepte aus der Schublade zu holen oder zu entwickeln. Nichts davon passiert jedoch.
Das zweite, weitaus schädlichere und peinlichere Beispiel für Lobbyismus ist der Zustand der kapitalgedeckten Altersvorsorge in Deutschland. Etwa zur gleichen Zeit, als die Riester-Rente eingeführt wurde, zeigte Schweden, welch hervorragende Ergebnisse man für die kleinen Leute erzielen kann, wenn die Lobbyisten außen vorgelassen werden.
Die Schweden machten Folgendes:
- die kapitalgedeckte Altersvorsorge wurde zur Pflicht,
- sie ließen nur besonders kostengünstige Fonds der Finanzindustrie für dieses Programm zu,
- allen Schweden, die sich mangels Fachkenntnissen nicht für einen Anbieter oder eine Anlageklasse entscheiden konnten, wurde ein praktisch kostenfreier Staatsfonds angeboten.
Dies sind Selbstverständlichkeiten, die lediglich bei Punkt 3. einen gewissen Mut der Verantwortlichen erfordern. Die Beamten, die nun diesen Fonds verwalten mussten, kamen nach kurzem Studium der Fakten zu dem Schluss, dass ein solches Produkt weitgehend in globalen Aktien investiert sein sollte. Damit wäre es vor Inflation, schwacher Demografie und Staatspleiten bestens geschützt.
Heute weist der schwedische AP7-Fonds bei einer Gesamtkostenquote von ca. 0,1% und einer Aktienquote von ca. 90% seit über 20 Jahren mit weitem Abstand die beste Performance aller schwedischen Altersvorsorgeprodukte auf.
Der schwedische Durchschnittsverdiener darf also beim Renteneintritt ein in € gerechnet sechsstelliges Wertpapiervermögen erwarten und muss sich keinerlei weitere Gedanken etwa über Inflationsrisiken machen.
Bei gleichem Kapitaleinsatz hört der geduldige Riester-Sparer in diesen Jahren auf, seinen Vertrag weiter zu bedienen. Er bekäme nämlich nach 20 Jahren kaum das zurück, was er eingezahlt hat, weil die im Vergleich zu Schweden 20-fachen Kosten die staatliche Unterstützung aufgefressen haben.
Zu allem Übel hat die Versicherungswirtschaft Kapitalgarantien für unverzichtbar erklärt, so dass ein Großteil des Geldes in inzwischen renditelose Anleihen angelegt werden muss.
Im jahrzehntelangen Sparprozess für die Altersvorsorge spielen jedoch kurzfristige Kursschwankungen von Kapitalanagen nicht die geringste Rolle, was die Schweden selbstverständlich sofort erkannt haben.
Die im Vergleich zu Schweden in den nächsten Jahrzehnten schlechte Absicherung der Mittelschicht in Deutschland ist auf die katastrophale Mitwirkung der Lobbyisten der Versicherungs- und Fondsindustrie zurückzuführen, die wegen der erneuten Inkompetenz der Regierenden eingeschaltet wurden. Die deutsche Regierung hat nämlich über den obengenannten ersten Punkt falsch entschieden. Über den zweiten Punkt wurde nicht hinreichend nachgedacht, sondern bequemerweise – siehe Cum-Ex – die Lobbyisten gefragt. Diese drangen bei den nicht nachdenkenden Politikern mit den Argumenten durch, dass die monatliche Anlage von kleinsten Beträgen am Kapitalmarkt natürlich sehr aufwändig sei und man daher höhere Gebühren als üblich einnehmen müsse.
Erstaunlich bleibt, warum die Schweden das geschafft haben. Beim dritten Punkt fehlt der Mut. Der Wähler könnte vorübergehend missgestimmt sein, wenn die Aktienkurse mal fallen sollten und die Boulevardzeitungen mit einer unfreundlichen Schlagzeile die zuständigen Politiker inkommodieren würde.
In den populistisch regierten Ländern Russland, Türkei oder Ungarn lässt sich Lobbyismus und Korruption nicht auseinanderhalten; die Folgen für diese Staaten sind mit Sicherheit nicht positiv.
Drittes Zwischenergebnis
- Minuspunkte für USA, Deutschland, Russland, Türkei
Die Rolle der Nachhaltigkeit
Der amerikanische Geografieprofessor Jared Diamond beleuchtet in seinem Werk „Arm und Reich“ (1998) die Wichtigkeit der Möglichkeit des freien Austausches von Waren und Wissen für den Aufstieg der eurasiatischen Hochkulturen in geografischer Hinsicht. Damit werden die Erkenntnisse von Davis Landes (siehe oben) auch für die Jahrtausende vor der Renaissance grundsätzlich bestätigt. Außerdem hat Jared Diamond sich in „Kollaps“ mit dem Zusammenbruch von Gesellschaften, z.B. der Wikinger in Grönland oder der Polynesier auf den Osterinseln, aufgrund ökologischer Katastrophen beschäftigt. Er findet fünf Gründe, warum Gesellschaften zusammenbrechen:
- Umweltschäden
- Klimaschwankungen
- feindliche Nachbarn
- Wegfall von Handelspartnern
- falsche Reaktion der Gesellschaft auf Veränderung
Der Nachhaltigkeit von Kapitalanlagen muss hohe Bedeutung beigemessen werden. Deshalb müssen die fünf Faktoren sehr genau beachtet werden.
Ohne hier einzelne Länder nennen zu können lässt sich tendenziell festhalten, dass die populistisch regierten Länder bei allen oder mehreren dieser 5 Punkte eher schlecht dastehen, insbesondere bei den Punkten 3-5, weil das Wohlergehen der eigenen Nation den Potentaten völlig egal ist. Nur der eigene Machterhalt zählt.
Das deutsche Bild ist bestenfalls gemischt. Deutschland ist bspw. bereit, Riesensummen für erneuerbare Energien, ohne jede Absprache mit den Nachbarländern auszugeben. Deutschland versagt aber bei einer nachhaltigen Altersvorsorge oder hat lange die ökologische Ausrichtung der Autoindustrie nicht beachtet.
Die ökologischen Probleme der Zukunft sind für die Kapitalmärkte hochgradig relevant, weil Dürrekatastrophen schon immer in der Geschichte der Anlass für Völkerwanderungen, Kriege und Inflationen bspw. über steigende Nahrungsmittelpreise waren. Die Regierung sollte wissen, dass die obigen Probleme unmöglich von einzelnen Nationalstaaten im Alleingang, nicht abgestimmt mit anderen Nationen, gelöst werden können.
Viertes Zwischenergebnis
- Minuspunkte für USA, China, Deutschland, Russland, Türkei
Zusammenfassung
Staaten bzw. deren Regierungen waren, sind und werden für einige klar definierte Aufgaben notwendig sein. Wenn sie diese „natürlichen“ Aufgaben gut erfüllen, dürfte sich die Zukunft ihrer Bevölkerung positiv gestalten und umgekehrt.
Die Lehrbücher sagen, ein Staat sei dazu da, um „öffentliche“ Güter bereitzustellen, also solche, die nicht einfach auf dem Markt angeboten werden. Verteidigung war das erste dieser Güter, das nachgefragt wurde, als Bauern vor zehntausend Jahren erstmals Äcker und Viehherden besaßen, die sie vor marodierenden benachbarten Hirtenstämmen schützen mussten. Dazu war man bereit, sich jederzeit mit eigenen Waffen einem Stammesmitglied zu unterstellen, der bei Bedrohung den Schutz organisierte.
Später kam ein geordnetes Rechtswesen zum Schutz des Eigentums und der körperlichen Unversehrtheit auch vor inneren Feinden durch Polizei und Justiz hinzu. Viel später, zuerst in Preußen im frühen 18. Jahrhundert, wurde die Schulpflicht und zuletzt, erneut zuerst im Nachfolgestaat Preußens, dem deutschen Kaiserreich, die Fürsorge des Staates im Falle von Krankheit, Unfällen und Alter eingeführt.
Der anfangs zitierte Autor David Landes hob die Bedeutung von Bildung (für den Staat: Schulpflicht) und gesicherten Eigentumsrechten (Rechtswesen, Polizei, Justiz) hervor. Der Staat muss also die Aufgaben Schulpflicht und Rechtswesen, Polizei und Justiz erfüllen.
Mit dem Thema Verteidigung, die man auch übertreiben kann, setzte sich Paul Kennedy auseinander.
Mancur Olson betonte die Bedeutung des Lobbyismus und der Korruption bzw. der Erfüllung der Aufgaben Rechtswesen, Polizei und Justiz staatlicherseits.
Jared Diamond arbeitete die Bedeutung der Ökologie bzw. der Nachhaltigkeit heraus.
Für die USA darf man festhalten, dass, ein Abtreten Trumps nach der Wahl im November unterstellt, der Staat seine Aufgaben überwiegend erfüllt. Für die Verteidigung gibt der Staat mit 732 Mrd. $ etwa dreimal soviel wie der Zweitplatzierte China und damit die mit Abstand höchsten Summen weltweit aus. Aber das Niveau der US-Armee ist Weltspitze und die USA können sich diese Ausgaben noch leisten, solange ihr gigantischer Schuldenberg, der zum Jahresende geschätzt 140% des Volkseinkommens betragen wird, kaum Zinskosten verursacht. Das Niveau der Bildung für die breite Masse auf der Basis der Schulpflicht ist zwar eher unterdurchschnittlich, aber das Niveau der Forschung und Technologieentwicklung ist noch Weltspitze, auch im Vergleich zu China und kann es unter einer anderen Regierung auch bleiben. Das Rechtswesen ist im internationalen Vergleich nicht an der Spitze. Da schneiden Singapur, die Schweiz oder die skandinavischen Staaten wesentlich besser ab. Aber der aktuelle Verfall unter Trump sollte nach der Wahl beendet sein.
Deutliche Mängel weist hingegen die Fürsorgepflicht des Staates auf, wie die Corona-Pandemie deutlich gemacht hat. Viele Todesfälle sind auf mangelhaften Zugang der ärmeren Bevölkerung zu Gesundheitsdienstleistungen zurückzuführen, und mangels irgendeiner Form von Arbeitslosenunterstützung mussten per „Helikoptergeld“ Schecks an die Arbeitslosen gesendet werden.
Insgesamt wäre ein Einbruch der US-Aktien und des Dollars nach einer Wahlniederlage von Trump eine klare Kaufgelegenheit für US-Vermögenswerte.
Europa ist in Bezug auf die Verteidigung nicht ausreichend gut aufgestellt, weil nationale Egoismen die Errichtung einer europäischen Armee bisher verhindert haben. So geben die EU-Länder ein Mehrfaches für Rüstung aus als die Russen, erreichen aber kaum deren Kampfkraft.
Das Niveau der Schulbildung ist in Europa durchschnittlich, wobei es ein erhebliches Gefälle zwischen Nord- und Südeuropa insbesondere in der mathematischen Bildung gibt. Hier sind viele asiatische Länder weit überlegen, was zum Teil den hohen technologischen Standard in diesen Ländern erklärt.
Das Rechtswesen ist als überdurchschnittlich einzustufen; der Einfluss der EU auf die Gesetzgebung ist insgesamt eher positiv einzuschätzen; freie Meinungs- und Wissensverbreitung sind besonders wenig gefährdet.
Für soziale Zwecke wenden die europäischen Staaten zwar viel Geld auf, aber in Anwendung der These von Paul Kennedy von der militärischen Überdehnung als Problem kann man in Europa von der sozialen Überdehnung sprechen. Europa hat 7% der Weltbevölkerung, 25% des weltweiten Volkseinkommens und 50% der weltweiten Sozialausgaben. Das ist angesichts der Ineffizienz eines großen Teils dieser Ausgaben (siehe S. 2) einfach zu viel und schränkt die Leistungsbereitschaft der Bevölkerung und die finanziellen Mittel der Staaten für Zukunftsinvestitionen zu sehr ein.
Da dieses Problem in einer Demokratie extrem schwer zu beheben ist, dürfte Europa angesichts des dadurch entstandenen Schuldenberges besonders auf eine ultralockere Geldpolitik angewiesen bleiben.
Damit bleiben die Ertragserwartungen für alle Arten von Festverzinslichen Wertpapieren in Europa deutlich negativ, mit Ausnahme der inflationsgesicherten Anleihen.
In Europa besteht nämlich auch angesichts der schwachen Demografie eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Finanzprobleme langfristig nur durch eine Duldung höherer Inflationsraten zumindest kontrollierbar bleiben können. Auch eine Schuldenstreichung ist in Europa etwas wahrscheinlicher als in den demografisch besser aufgestellten USA. Aktien und (Wohn-) Immobilien können jedoch hier von einer nicht bekämpften Inflation stark profitieren.
Für die inzwischen diktatorisch regierten Staaten China, Russland und Türkei kann gesagt werden, dass die Verteidigungsausgaben insbesondere in Russland und in der Türkei unangemessen hoch und die von beiden angezettelten Kriege und Konflikte ausgesprochen schädlich sind.
Auch China riskiert zunehmend durch erhöhte Aggressivität wirtschaftliche Nachteile, etwa durch den Umgang mit Hongkong.
Das Niveau der Bildung ist in China und Russland recht gut, aber mit sinkender Tendenz durch die Abschottung der Länder. China könnte gerade den Fehler, den man vor über 500 Jahren machte, wiederholen.
Auch die Türkei sollte mal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. In denen kann man lesen, dass der Abstieg des um die Mitte des 15. Jahrhunderts kulturell den Europäern überlegenen osmanischen Reiches mit dem Verbot des Buchdrucks einige Jahrzehnte danach begann. Die Religionsführer wollten verhindern, dass die Bevölkerung den Koran selbst lesen konnte.
Der Einflussfaktor Rechtssicherheit ist in allen Diktaturen sehr unter-durchschnittlich einzustufen und stellt ein deutliches Hindernis für Auslandsinvestitionen dar. Im Gegenteil bemühen sich die Reichen dieser Länder, ihr Kapital ins Ausland zu schaffen. Dies ist langfristig eine starke Wachstumsbremse und ein Indiz gegen hohe Ertragserwartungen von Anlagekapital.
Die geringen Sozialausgaben dieser Länder stellen allerdings einen langfristigen Vorteil dar. Russland und China haben den alten Leuten nichts versprochen. Das ist auch genau das, was diese später vom Staat bekommen werden. Daher ist in China die Sparquote sehr hoch.
Wenn diese Länder ihre äußere und innere Aggressivität zähmen können und sich der Welt wieder stärker öffnen, sind die langfristigen Perspektiven insbesondere für China nicht ungünstig.
Kurz- und mittelfristig überwiegen jedoch in Russland und insbesondere der Türkei die Risiken, wobei ein Abgang Erdogans auf dem jetzigen niedrigen Niveau der Aktien- und Wechselkurse eine Kaufgelegenheit darstellen würde.
Was für die EU-Mitgliedsstaaten in Bezug auf eine gemeinschaftliche Verteidigung gilt, trifft für alle Staaten weltweit für die Bekämpfung der Klimakatastrophe zu: Dieses Problem kann nur eingegrenzt werden, wenn hier weltweite gemeinsame Projekte durchgezogen werden.
Alle Staaten müssen für dieses Problem Souveränität abgeben, ansonsten wird die Klimaentwicklung hohe wirtschaftliche Schäden anrichten. Allerdings ist unsere Hoffnung limitiert, dass dies Realität werden wird. Auch darin liegt ein Grund für unsere Überzeugung, dass langfristig die Inflationsrisiken weltweit deutlich zunehmen werden.