Kapitalmarktausblick 04/2020

Corona-Krise, Schulden und Kapitalmärkte

22.4.2020

In unserem letzten Kapitalmarktausblick vom 19.3.2020 haben wir eine strategische Kaufempfehlung für Aktien in allen Regionen (+15% seit dem 20.3.2020) oder für weniger risikofreudige Anleger für Discount-Zertifikate sowie für Gold (+13% seit dem 20.3.2020) und Cash als Risikosenker gegeben.

Die Gründe für die Aktienkaufempfehlung waren:

  1. Die niedrige Bewertung, die zu einer Ertragserwartung für globale Aktien-anlagen in Höhe von +10% p.a. auf Zehnjahressicht führte
  2. sowie die enormen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen der Zentralbanken und der Regierungen in aller Welt. Diese unterstützen sowohl die von Pleiten bedrohten Unternehmen als auch die von Einkommensverlust betroffenen oder bedrohten Arbeitnehmer, Freiberufler und Kleinunternehmen.

Gleichzeitig hatten wir eine Wirtschaftskrise prognostiziert, die die bisher schwerste Rezession seit dem 2. Weltkrieg, nämlich die von 2008 bis 2009, übertreffen sollte.

Inzwischen liegen Prognosen über die ökonomischen (kurzfristigen) Folgen der Corona-Krise vom Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Danach werden folgende Wirtschaftswachstumsraten für 2020 erwartet:

Die Staatsschulden werden von aktuell weltweit 105% des Volkseinkommens auf 122% ansteigen; allein in den USA wird das Staatsdefizit in 2020 atemberaubende 15% des Volkseinkommens betragen. Nur eingefleischte Nostalgiker können sich noch an das Maastricht-Kriterium erinnern, das Staatsdefizite von über 3% als langfristig untragbar definierte.

Wir hatten schon vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass in den von Trump nach seinem Regierungsantritt durch hohe Staatsdefizite gedopten USA in der nächsten Wirtschaftskrise rekordhohe Defizitwerte von bis zu 20% entstehen würden.

Vor wenigen Tagen hat die US-Regierung zusätzlich ein weiteres Konjunkturpaket über 480 Mrd.$ aufgelegt.

Die Bank of Japan will künftig jährlich im Gegenwert von 600 Mrd.€ Staatsanleihen (deutlich über 10% des Volkseinkommens), für 100 Mrd. € Aktienfonds (ETFs) und für 30 Mrd. € Unternehmensanleihen kaufen.

Die EZB hat mitgeteilt, dass sie künftig auch bonitätsschwache Anleihen als Kreditsicherheit akzeptieren wird; damit bereitet man sich wohl auf Herabstufungen von Staaten durch die Rating-Agenturen vor.

Aus diesen Daten lassen sich folgende Aussagen für die nächste Dekade bis 2030, aber wahrscheinlich auch darüber hinaus, ableiten:

  1. Diese in Friedenszeiten niemals zuvor erreichte Staatsverschuldung wird den Zins dauerhaft in dem aktuell ebenfalls beispiellos tiefen Bereich von knapp über bis knapp unter Null Prozent auch für lange Laufzeiten festhalten, da die Zentralbanken jeden Zinsanstieg im Interesse der Regierungen stoppen wollen und definitiv auch können (siehe Grafik). So hat die englische Zentralbank vor wenigen Tagen bekanntgegeben, dass sie die englische Regierung bis auf weiteres direkt finanzieren wird.
  1. Die meisten Unternehmen werden den Shutdown dank der massiven staatlichen Unterstützung überleben; dies gilt insbesondere für die größeren börsennotierten Unternehmen, die damit ihren Anteil an der Wirtschaftstätigkeit wohl ausbauen dürften.Die Firmengewinne sollten sich allmählich wieder erholen, weil die Corona-Krise einige nachhaltige Kostensenkungen bewirken wird. Die plötzliche Verbreitung von Homeoffice dürfte nach der Krise nur teilweise zurückgefahren werden. Damit können die Unternehmen einen Teil ihres bisher notwendigen Büroraumes aufgeben und die Mietkosten sparen. Telefon- und Videokonferenzen werden einen Teil der Dienstreisekosten ersetzen und die Effizienz erhöhen. Generell wird man die Digitalisierung beschleunigen.
  2. Der schon durch den Populismus (Trumps Handelskrieg mit China) reduzierte freie Warenverkehr sowie die durch Corona notwendig gewordene breitere Verteilung von Zulieferern für die Großunternehmen führt zu steigenden Kosten und damit steigenden Inflationsraten – nicht sofort, aber in einigen Jahren. Zusätzlich bedeuten vermehrte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft einen gewissen Effizienzverlust, der in die gleiche Richtung wirkt. In Verbindung mit den enormen aus dem Nichts geschaffenen Geldern (siehe oben) steigen damit langfristig die Inflationsrisiken an, ohne dass die Zentralbanken im Interesse ihrer hochverschuldeten Regierungen durch Zinserhöhungen dagegen angehen können.

Daraus ergeben sich für die Kapitalmärkte folgende Konsequenzen:

  1. Rentenanlagen – insbesondere Staatsanleihen – bleiben langfristig unattraktiv und haben – wie die Corona-Krise bis zur Verkündigung von Zentralbankkäufen zeigt – auch nicht mehr zuverlässig als Risikosenker funktioniert. Bei Renditeerwartungen von -0,5% p.a. nominal und -3,5% p.a. nach Abzug der Inflationsrate von +3% p.a. in den nächsten 10 Jahren (Best-Case-Szenario) werden sich immer mehr Anleger von Zinspapieren verabschieden, was generell Aktien (und Beteiligungsfonds), Immobilien und Gold helfen wird.
  2. Die Ertragserwartungen von weltweiten Aktienanlagen betragen auch nach der Erholung um über 20% seit Mitte März solide +7% p.a. bis 2030, die bei höherer Inflation tendenziell ebenfalls wegen fehlender Inflations-bekämpfung steigen werden (siehe Grafik).
  1. Ein Kurseinbruch bei einer durchaus nicht unwahrscheinlichen zweiten Infektionswelle wäre erneut nicht nachhaltig, da die Anleger im liquiden Bereich keine Alternative haben, die laufende Erträge produziert.
  2. Bei Immobilien werden die obengenannten Kostensenkungsmaßnahmen von Unternehmen und Verhaltensänderungen der privaten Haushalte zu unterschiedlichen Auswirkungen führen. Einzelhandels-immobilien verlieren an Attraktivität, da in den letzten Wochen viele (ältere) Konsumenten das Online-Shopping erlernt haben. Büro- und Hotelimmobilien leiden unter der möglicherweise verringerten Nachfrage durch vermehrtes Homeoffice und weniger Dienstreisen. Auch das touristische Konsumverhalten könnte sich zulasten von Hotels verändern. Dagegen ist die von uns schon in den letzten Jahren präferierte Wohnimmobilie ein möglicher Krisengewinner, da man beim Homeoffice möglichst einen eigenen Arbeitsraum pro Arbeitskraft im Haushalt benötigt und für den  Fall einer erneuten Ausgangssperre vielleicht das Geld investiert, das man für Urlaubsreisen einspart. Allerdings besteht auch hier das Risiko von weiteren staatlichen Eingriffen – keine Kündigung von Mietern, die coronabedingt ihre Miete nicht zahlen können.
  3. Gold ist inzwischen nicht mehr die einzige zinslose Anlageform, aber unter den zinslosen die einzige, die nicht bankrottgehen oder weginflationiert werden kann. Da die Anleger weltweit aber mehr als das 20-fache dessen, was sie in Gold angelegt haben, in Renten und Cash halten, sind hier, insbesondere bei allmählich steigender Inflation, wachsende Umtauschmaßnahmen zugunsten des Goldes zu erwarten

Mit einem überwiegend in Sachwerten (Aktien, Beteiligungsfonds, (Wohn-) Immobilien, Gold) und Cash zur Risikosenkung investierten Portfolio wird man die nächste Dekade recht gut überstehen.

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